Das mache ich nie mehr!“

Organ­isierte Touren? Nix für mich.“

Jet­zt habe ich mich so vor­bere­it­et – warum hat das nicht geklappt?“

Solche Gedanken gin­gen mir nach mein­er ersten Alpenüber­querung auf dem E5 im August 2025 durch den Kopf.

Als am ersten Tag plötzlich nichts mehr ging

Rück­blick: Bere­its am ersten Tag, auf der Etappe von Spiel­mannsau hoch zur Kempt­ner Hütte, erlebte ich unge­fähr nach der Hälfte der Gehzeit einen Leistungseinbruch.

Rien ne va plus.

Vier Schritte gehen, ste­hen bleiben. Vier Schritte gehen, ste­hen bleiben. Puls sta­bil um 170. Ein Puls­bere­ich, in dem ich einen mehrstündi­gen Auf­stieg unmöglich durch­hal­ten konnte.

Wolken ziehen auf am Mut­tlerkopf 2025. Damals auch in meinem Kopf.

Notge­drun­gen passten sich Bergführer und Gruppe meinem Tem­po an.

Aber danach stand ich auf der Liste der Wack­elka­n­di­dat­en“.

Von da an wurde bei jed­er Etappe neu entsch­ieden, ob man mir die Strecke zutraute.

Und so wurde aus mein­er Alpenüber­querung streck­en­weise eine Alpen­durch­querung mit Bahn und Bus. Erst bei den bei­den let­zten Abschnit­ten von Vent über das Hochjochhos­piz und die Schöne Aus­sicht Rich­tung Mer­an war ich wieder dabei.

Ich kam mit den anderen in Mer­an an. Aber eher frus­tri­ert und ent­täuscht als mit einem Hochgefühl.

Vom Frust zur Frage: Was ist da eigentlich passiert?

Dann kamen die Gedanken – und ins­ge­heim auch Vor­würfe. An den Ver­anstal­ter, den Berg­wan­der­führer und ja … auch an mich selbst.

Als ich mich nach ein paar Wochen erholt hat­te und wieder ruhiger und besonnen­er auf die Sache schauen kon­nte, erkan­nte ich die kon­trapro­duk­tiv­en Muster: Selb­stvor­würfe auf der einen, Schuldzuweisun­gen auf der anderen Seite.

Irgend­wann lautete die Frage nicht mehr:

Wer war schuld?

Son­dern:

Was genau hat­te dazu geführt, dass es für mich unter diesen Bedin­gun­gen nicht funk­tion­iert hatte?

Ich machte mich an eine real­is­tis­che Analyse.

Blick zur Wild­spitze 2025. Bei Vent im Ötztal.

1000 Höhenmeter sind nicht gleich 1000 Höhenmeter

Aus Erfahrung weiß ich: Ja, bergauf bin ich langsam. Aber ich kann 1000 Höhen­meter auf­steigen. Das habe ich schon viele Male gemacht.

Also: Was war dies­mal anders?

In der Ver­gan­gen­heit war ich meis­tens alleine, mit Fre­un­den oder Fam­i­lie unter­wegs. Kein Grup­pen­tem­po, kein Druck, mithal­ten zu müssen. Zeit zum Ste­hen­bleiben. Zeit für meinen eige­nen Rhythmus.

Ein­mal war ich tat­säch­lich schon mit ein­er organ­isierten Gruppe unter­wegs gewe­sen. Auf dem Heil­bron­ner Höhen­weg. Auch dort war ich am ersten Tag zu langsam für das Grup­pen­tem­po. Aber danach ver­lief der Weg auf rund 2500 Metern mod­er­ater auf und ab, und am let­zten Tag standen vor allem 1000 Höhen­meter Abstieg an.

Denn:

1000 Höhen­meter Auf­stieg sind nicht gle­ich 1000 Höhen­meter Aufstieg.

Fünf Stellschrauben, die den Unterschied machten

Bei mein­er Analyse kristallisierten sich fünf Stellschrauben heraus.

1. Grund­la­ge­naus­dauer

Ich war für meine Ver­hält­nisse von Anfang an mit zu hoher Inten­sität unterwegs.

Mein Kör­p­er musste dadurch stärk­er auf schnell ver­füg­bare Kohlen­hy­drate zurück­greifen. Das ging eine Weile gut – bis Reser­ven und Musku­latur nicht mehr aus­re­ichend mitspielten.

Kurz gesagt:

Ich hat­te mein Pul­ver zu früh verschossen.

2. Ernährung und Flüssigkeit

Statt leichter, regelmäßig zuge­führter Kohlen­hy­drate hat­te ich eher schw­erere und fet­tre­ichere Snacks dabei.

Auch beim Trinken war meine Strate­gie nicht opti­mal: größere Men­gen reines Wass­er auf ein­mal, statt kon­tinuier­lich kleinere Men­gen Flüs­sigkeit mit etwas Salz und Kohlen­hy­drat­en zuzuführen.

3. Stress

Unbe­wusste Mech­a­nis­men wie Druck und das Gefühl, mithal­ten zu müssen“, macht­en mir zusät­zlich Stress.

Wenn eine Gruppe loszieht, fällt ja keine lange bewusste Entscheidung:

So, jet­zt gehe ich absichtlich zu schnell.“

Man hängt sich ein­fach dran. Ich jeden­falls tat es.

Mein eigen­er Rhyth­mus war weg, bevor ich über­haupt bemerk­te, dass ich ihn ver­lassen hatte.

Eigentlich bemerk­te ich es zunächst gar nicht.

Dazu kam ein schw­er­er Ruck­sack – vor allem durch drei Liter Wass­er. Das zusät­zliche Gewicht erhöhte die kör­per­liche Belas­tung und damit auch den Stress für mein gesamtes System.

Und ich hörte immer wieder Sätze wie:

Ist steil.“

Ist schwierig.“

Geht nicht für Dich.“

Solche Botschaften verän­dern Erwartung und Aufmerk­samkeit. Statt mich auf meine konkrete Auf­gabe zu konzen­tri­eren, war mein Kopf zunehmend damit beschäftigt, ob ich das über­haupt schaf­fen würde.

4. Jahreszeit

Aus­gerech­net während unser­er Tour im August machte sich ein Hoch in den Alpen breit.

Tem­per­a­turen bis 25 Grad, und am ersten Tag stand im Sper­rbach­to­bel die Luft.

Hitzestress.

Für mich ein rel­e­van­ter Fak­tor, weil mein Leis­tungsver­mö­gen bei Wärme deut­lich sinkt.

5. Das Angebot

Die Tour war als Alpenüber­querung E5 für Ü50“ ausgeschrieben.

Mein Denk­fehler: Ich hat­te Ü50“ mit einem mod­er­ateren Leis­tungsniveau gleichgesetzt.

Aber Alter sagt wenig darüber aus, wie schnell jemand 1000 Höhen­meter auf­steigen kann.

Nicht einfach noch einmal genauso

Eigentlich hat­te ich das The­ma Alpenüber­querung danach inner­lich abgehakt.

Dann ent­deck­te ich ein anderes Ange­bot, bei dem einige der Bedin­gun­gen anders waren, die ich inzwis­chen als entschei­dend erkan­nt hatte:

Alpenüber­querung E5 Entspannt“.

Ich sah die Bilder der Berg­land­schaft – und war sofort wieder infiziert.

5. Etappe. Wan­derung über den Venet-Grat. Mer­anzköpfl (2464 m), Glan­der­spitze (2512 m), Piller (2480 m), Wan­nejöchl (2497) und Kreuzjoch (2464 m). Foto: Teil­nehmer aus der Gruppe 2026.

Das will ich machen.

Ich gehe die Alpenüber­querung noch ein­mal an.

Meine erste Alpenüber­querung – oder bess­er: Alpen­durch­querung – spe­icherte ich unter Erfahrun­gen machen“ ab.

Mein Vor­bild dabei: Die Extrem­berg­steigerin Ger­linde Kaltenbrun­ner brauchte sieben Anläufe, bevor sie schließlich auf dem Gipfel des K2 stand.

Leis­tungsmäßig spiele ich natür­lich in ein­er völ­lig anderen Liga. Aber von ihrer Denkhal­tung und ihrem Durch­hal­tev­er­mö­gen kann ich mir dur­chaus eine Scheibe abschneiden.

Nicht im Sinne von:

Augen zu und noch ein­mal genauso.

Son­dern:

Aus einem gescheit­erten Ver­such ler­nen, Bedin­gun­gen verän­dern und neu ansetzen.

Was ich dieses Mal konkret verändert habe

Statt mich also in Selb­stzweifeln, Vor­wür­fen und Frust zu ver­lieren, wagte ich einen real­is­tis­chen Blick auf das, was passiert war.

Und drehte an den Stellschrauben, die ich iden­ti­fiziert hatte:

  • Mit mehrmonatigem Grund­la­ge­naus­dauer­train­ing verbesserte ich meine Aus­dauer und gewöh­nte meinen Kör­p­er daran, lange Belas­tun­gen ruhiger wegzustecken.
  • Ich passte meine Ernährung während der Auf­stiege an: leichte Kohlen­hy­drate, Flüs­sigkeit mit Salz und Zuck­er. Nicht große Men­gen auf ein­mal hine­in­stopfen oder hinein­schüt­ten, son­dern regelmäßig kleine Por­tio­nen und kleine Schlucke.
  • Ich arbeit­ete an meinem Mind­set – vor allem aber an meinem eige­nen Rhyth­mus und daran, ihn auch beizubehalten.

Im Train­ing übte ich ganz konkret, nicht automa­tisch zu beschle­u­ni­gen, nur weil es kurzfristig möglich gewe­sen wäre.

Oder anders ausgedrückt:

Dem Impuls Ich kön­nte doch schneller“ bewusst zu widerstehen.

  • Ich wählte mit E5 Entspan­nt“ ein Ange­bot, das bess­er zu mir passte: Gepäck­trans­fer und täglich­er Wech­sel zwis­chen Hotel beziehungsweise Gasthof und Hüttenübernachtung.

Und ich testete nicht nur mich, son­dern auch den Ver­anstal­ter bei einem vorgeschal­teten Trainingscamp.

Passt deren Tem­po zu mir?

Funk­tion­iert meine Strate­gie in der Gruppe?

Kann – und darf – ich wirk­lich meinen eige­nen Rhyth­mus gehen?

  • Und ich änderte die Jahreszeit: Früh­herb­st statt Hochsommer.
Mut­tler 2026. Die Wolken haben sich ver­zo­gen. Gutes Vorze­ichen für die fol­gen­den 7 Etappen.

Zu meinem Tempo stehen

Anfang Sep­tem­ber 2026 habe ich die Alpen von Ober­st­dorf nach Mer­an zu Fuß überquert.

Acht Tage. Rund 5000 Höhen­meter. 75 Kilometer.

Mit ein­er geführten, organ­isierten Gruppe.

Hochge­fühl. Pitz­taler Jöchl 2026. 

Die eine und der andere in der Gruppe gin­gen schneller. Mein Platz direkt hin­ter der Berg­wan­der­führerin war mit zwei anderen sicher.

Aber genau dieses Szenario hat­te ich men­tal vor­bere­it­et und trainiert:

Zu meinem Tem­po ste­hen. Mein Tem­po halten.

Und das Entschei­dende: Bei allen Etap­pen blieben wir im Auf­stieg – eben­so wie im Abstieg, das ohne­hin nicht meine Prob­lem­zone ist – inner­halb der angegebe­nen Gehzeiten.

Eine steile Pas­sage kam, mein Puls stieg – aber er beruhigte sich auch wieder.

Anders denken war der Anfang. Anders machen den Unterschied.

Das ist vielle­icht das Wichtig­ste, was ich aus diesen bei­den Touren mitgenom­men habe:

Nicht vorschnell aus ein­er Erfahrung Ich kann das nicht“ machen.

Erst ein­mal her­aus­find­en, woran es wirk­lich gele­gen hat.

Aber mit anders denken allein ist es nicht getan.

Anders denken war der Anfang. Anders machen hat den Unter­schied gemacht.

Du hast ähn­liche Erfahrun­gen gemacht? Du willst nicht vorschnell aufgeben, weißt aber nicht so recht, wo eigentlich der Hund begraben ist?

Manch­mal hil­ft ein erfahren­er, ruhiger Blick von außen: gemein­sam das Erlebte und die Abläufe auseinan­dernehmen, Zusam­men­hänge erken­nen und her­aus­find­en, was sich konkret verän­dern lässt.

Dann schreib mir gerne eine E‑Mail an heike@heimatwandern.de

6. Etappe 2026. Von Mit­tel­berg im Pitz­tal hoch zur Braun­schweiger Hütte auf 2750 m ü NN. 1000 Höhen­meter im Aufstieg.