„Das mache ich nie mehr!“
„Organisierte Touren? Nix für mich.“
„Jetzt habe ich mich so vorbereitet – warum hat das nicht geklappt?“
Solche Gedanken gingen mir nach meiner ersten Alpenüberquerung auf dem E5 im August 2025 durch den Kopf.
Als am ersten Tag plötzlich nichts mehr ging
Rückblick: Bereits am ersten Tag, auf der Etappe von Spielmannsau hoch zur Kemptner Hütte, erlebte ich ungefähr nach der Hälfte der Gehzeit einen Leistungseinbruch.
Rien ne va plus.
Vier Schritte gehen, stehen bleiben. Vier Schritte gehen, stehen bleiben. Puls stabil um 170. Ein Pulsbereich, in dem ich einen mehrstündigen Aufstieg unmöglich durchhalten konnte.

Notgedrungen passten sich Bergführer und Gruppe meinem Tempo an.
Aber danach stand ich auf der Liste der „Wackelkandidaten“.
Von da an wurde bei jeder Etappe neu entschieden, ob man mir die Strecke zutraute.
Und so wurde aus meiner Alpenüberquerung streckenweise eine Alpendurchquerung mit Bahn und Bus. Erst bei den beiden letzten Abschnitten von Vent über das Hochjochhospiz und die Schöne Aussicht Richtung Meran war ich wieder dabei.
Ich kam mit den anderen in Meran an. Aber eher frustriert und enttäuscht als mit einem Hochgefühl.
Vom Frust zur Frage: Was ist da eigentlich passiert?
Dann kamen die Gedanken – und insgeheim auch Vorwürfe. An den Veranstalter, den Bergwanderführer und ja … auch an mich selbst.
Als ich mich nach ein paar Wochen erholt hatte und wieder ruhiger und besonnener auf die Sache schauen konnte, erkannte ich die kontraproduktiven Muster: Selbstvorwürfe auf der einen, Schuldzuweisungen auf der anderen Seite.
Irgendwann lautete die Frage nicht mehr:
Wer war schuld?
Sondern:
Was genau hatte dazu geführt, dass es für mich unter diesen Bedingungen nicht funktioniert hatte?
Ich machte mich an eine realistische Analyse.

1000 Höhenmeter sind nicht gleich 1000 Höhenmeter
Aus Erfahrung weiß ich: Ja, bergauf bin ich langsam. Aber ich kann 1000 Höhenmeter aufsteigen. Das habe ich schon viele Male gemacht.
Also: Was war diesmal anders?
In der Vergangenheit war ich meistens alleine, mit Freunden oder Familie unterwegs. Kein Gruppentempo, kein Druck, mithalten zu müssen. Zeit zum Stehenbleiben. Zeit für meinen eigenen Rhythmus.
Einmal war ich tatsächlich schon mit einer organisierten Gruppe unterwegs gewesen. Auf dem Heilbronner Höhenweg. Auch dort war ich am ersten Tag zu langsam für das Gruppentempo. Aber danach verlief der Weg auf rund 2500 Metern moderater auf und ab, und am letzten Tag standen vor allem 1000 Höhenmeter Abstieg an.
Denn:
1000 Höhenmeter Aufstieg sind nicht gleich 1000 Höhenmeter Aufstieg.
Fünf Stellschrauben, die den Unterschied machten
Bei meiner Analyse kristallisierten sich fünf Stellschrauben heraus.
1. Grundlagenausdauer
Ich war für meine Verhältnisse von Anfang an mit zu hoher Intensität unterwegs.
Mein Körper musste dadurch stärker auf schnell verfügbare Kohlenhydrate zurückgreifen. Das ging eine Weile gut – bis Reserven und Muskulatur nicht mehr ausreichend mitspielten.
Kurz gesagt:
Ich hatte mein Pulver zu früh verschossen.
2. Ernährung und Flüssigkeit
Statt leichter, regelmäßig zugeführter Kohlenhydrate hatte ich eher schwerere und fettreichere Snacks dabei.
Auch beim Trinken war meine Strategie nicht optimal: größere Mengen reines Wasser auf einmal, statt kontinuierlich kleinere Mengen Flüssigkeit mit etwas Salz und Kohlenhydraten zuzuführen.
3. Stress
Unbewusste Mechanismen wie Druck und das Gefühl, „mithalten zu müssen“, machten mir zusätzlich Stress.
Wenn eine Gruppe loszieht, fällt ja keine lange bewusste Entscheidung:
„So, jetzt gehe ich absichtlich zu schnell.“
Man hängt sich einfach dran. Ich jedenfalls tat es.
Mein eigener Rhythmus war weg, bevor ich überhaupt bemerkte, dass ich ihn verlassen hatte.
Eigentlich bemerkte ich es zunächst gar nicht.
Dazu kam ein schwerer Rucksack – vor allem durch drei Liter Wasser. Das zusätzliche Gewicht erhöhte die körperliche Belastung und damit auch den Stress für mein gesamtes System.
Und ich hörte immer wieder Sätze wie:
„Ist steil.“
„Ist schwierig.“
„Geht nicht für Dich.“
Solche Botschaften verändern Erwartung und Aufmerksamkeit. Statt mich auf meine konkrete Aufgabe zu konzentrieren, war mein Kopf zunehmend damit beschäftigt, ob ich das überhaupt schaffen würde.
4. Jahreszeit
Ausgerechnet während unserer Tour im August machte sich ein Hoch in den Alpen breit.
Temperaturen bis 25 Grad, und am ersten Tag stand im Sperrbachtobel die Luft.
Hitzestress.
Für mich ein relevanter Faktor, weil mein Leistungsvermögen bei Wärme deutlich sinkt.
5. Das Angebot
Die Tour war als „Alpenüberquerung E5 für Ü50“ ausgeschrieben.
Mein Denkfehler: Ich hatte „Ü50“ mit einem moderateren Leistungsniveau gleichgesetzt.
Aber Alter sagt wenig darüber aus, wie schnell jemand 1000 Höhenmeter aufsteigen kann.
Nicht einfach noch einmal genauso
Eigentlich hatte ich das Thema Alpenüberquerung danach innerlich abgehakt.
Dann entdeckte ich ein anderes Angebot, bei dem einige der Bedingungen anders waren, die ich inzwischen als entscheidend erkannt hatte:
„Alpenüberquerung E5 Entspannt“.
Ich sah die Bilder der Berglandschaft – und war sofort wieder infiziert.

Das will ich machen.
Ich gehe die Alpenüberquerung noch einmal an.
Meine erste Alpenüberquerung – oder besser: Alpendurchquerung – speicherte ich unter „Erfahrungen machen“ ab.
Mein Vorbild dabei: Die Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner brauchte sieben Anläufe, bevor sie schließlich auf dem Gipfel des K2 stand.
Leistungsmäßig spiele ich natürlich in einer völlig anderen Liga. Aber von ihrer Denkhaltung und ihrem Durchhaltevermögen kann ich mir durchaus eine Scheibe abschneiden.
Nicht im Sinne von:
Augen zu und noch einmal genauso.
Sondern:
Aus einem gescheiterten Versuch lernen, Bedingungen verändern und neu ansetzen.
Was ich dieses Mal konkret verändert habe
Statt mich also in Selbstzweifeln, Vorwürfen und Frust zu verlieren, wagte ich einen realistischen Blick auf das, was passiert war.
Und drehte an den Stellschrauben, die ich identifiziert hatte:
- Mit mehrmonatigem Grundlagenausdauertraining verbesserte ich meine Ausdauer und gewöhnte meinen Körper daran, lange Belastungen ruhiger wegzustecken.
- Ich passte meine Ernährung während der Aufstiege an: leichte Kohlenhydrate, Flüssigkeit mit Salz und Zucker. Nicht große Mengen auf einmal hineinstopfen oder hineinschütten, sondern regelmäßig kleine Portionen und kleine Schlucke.
- Ich arbeitete an meinem Mindset – vor allem aber an meinem eigenen Rhythmus und daran, ihn auch beizubehalten.
Im Training übte ich ganz konkret, nicht automatisch zu beschleunigen, nur weil es kurzfristig möglich gewesen wäre.
Oder anders ausgedrückt:
Dem Impuls „Ich könnte doch schneller“ bewusst zu widerstehen.
- Ich wählte mit „E5 Entspannt“ ein Angebot, das besser zu mir passte: Gepäcktransfer und täglicher Wechsel zwischen Hotel beziehungsweise Gasthof und Hüttenübernachtung.
Und ich testete nicht nur mich, sondern auch den Veranstalter bei einem vorgeschalteten Trainingscamp.
Passt deren Tempo zu mir?
Funktioniert meine Strategie in der Gruppe?
Kann – und darf – ich wirklich meinen eigenen Rhythmus gehen?
- Und ich änderte die Jahreszeit: Frühherbst statt Hochsommer.

Zu meinem Tempo stehen
Anfang September 2026 habe ich die Alpen von Oberstdorf nach Meran zu Fuß überquert.
Acht Tage. Rund 5000 Höhenmeter. 75 Kilometer.
Mit einer geführten, organisierten Gruppe.

Die eine und der andere in der Gruppe gingen schneller. Mein Platz direkt hinter der Bergwanderführerin war mit zwei anderen sicher.
Aber genau dieses Szenario hatte ich mental vorbereitet und trainiert:
Zu meinem Tempo stehen. Mein Tempo halten.
Und das Entscheidende: Bei allen Etappen blieben wir im Aufstieg – ebenso wie im Abstieg, das ohnehin nicht meine Problemzone ist – innerhalb der angegebenen Gehzeiten.
Eine steile Passage kam, mein Puls stieg – aber er beruhigte sich auch wieder.
Anders denken war der Anfang. Anders machen den Unterschied.
Das ist vielleicht das Wichtigste, was ich aus diesen beiden Touren mitgenommen habe:
Nicht vorschnell aus einer Erfahrung „Ich kann das nicht“ machen.
Erst einmal herausfinden, woran es wirklich gelegen hat.
Aber mit anders denken allein ist es nicht getan.
Anders denken war der Anfang. Anders machen hat den Unterschied gemacht.
Du hast ähnliche Erfahrungen gemacht? Du willst nicht vorschnell aufgeben, weißt aber nicht so recht, wo eigentlich der Hund begraben ist?
Manchmal hilft ein erfahrener, ruhiger Blick von außen: gemeinsam das Erlebte und die Abläufe auseinandernehmen, Zusammenhänge erkennen und herausfinden, was sich konkret verändern lässt.
Dann schreib mir gerne eine E‑Mail an heike@heimatwandern.de





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